Ideenwettbewerb mit Einschränkung: Das BMG und Blockchain im Gesundheitswesen

Das Gesundheitswesen steht jetzt und in der nahen Zukunft vor vielen Herausforderungen – einer alternden Gesellschaft, Fachkräftemangel, einer zunehmenden Anzahl von in- und ausländischen Unternehmen, die auf den Markt drängen, wiederkehrenden Krankheiten, die als besiegt galten, und vielen mehr.

Mit ihren schier zahllosen technischen Möglichkeiten gilt die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Hoffnungsträger, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Während digitale Anwendungen in der Industrie oder dem Handel schon tiefgreifend in die Prozesse eingebunden sind, nimmt die Implementierung im deutschen Gesundheitswesen aufgrund der hemmenden Rahmenbedingungen erst in den letzten Jahren langsam Fahrt auf. Weltweit stößt dabei die Blockchain-Technologie im Gesundheitswesen in letzter Zeit auf zunehmendes Interesse.

Um die Potentiale der innovativen Technologie auszuloten, veranstaltete das US-amerikanische ONC (Office of the National Coordinator for Health Information Technology) im Jahr 2016 die Blockchain Challenge, einen Ideenwettbewerb, bei dem Einzelpersonen wie auch Teams ihre Konzepte zum Einsatz der Blockchain-Technologie in Gesundheitssystemen einreichen konnten. 

Dr. Vindell Washington, nationaler Koordinator für Health IT, sagte zu der Challenge: „Wir sind begeistert von dem unglaublichen Interesse an diesem Wettbewerb. […] Während viele über die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie für digitale Währungszwecke Bescheid wissen, zeigen die Wettbewerbsbeiträge ihr spannendes Potenzial für neue, innovative Anwendungen im Gesundheitswesen.“

In der ONC Challenge 2016 wurden Konzepte zu den Bereichen gesucht: 

  • Digitale Signatur und Identitätsmanagement,
  • Smart Contracts in Gesundheitssystemen
  • Verwaltung von Internet of Things (IoT)-Geräten,
  • Verschlüsselte und dezentrale Speicherung von Gesundheitsdaten
  • Verteiltes Vertrauensmanagement

Das ONC wählte die Gewinner auf der Grundlage mehrerer Faktoren aus, darunter Marktfähigkeit, Kreativität, die Eignung zum transformativen Wandel und das Potenzial zur Unterstützung einer Reihe nationaler Gesundheits- und Gesundheitsinformationsziele, einschließlich der Förderung des Flusses von Gesundheitsdaten dorthin, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Mittlerweile hat auch das Bundesministerium für Gesundheit die Relevanz der Blockchain-Technologie erkannt und hat am 29.10.2018 verkündet, einen Ideenwettbewerb zu Blockchain im Gesundheitswesen auszuschreiben. Auch wenn man sich nicht offiziell darauf beruft, scheint der Wettbewerb auch an die schon über zwei Jahre zurückliegende ONC Blockchain Challenge angelehnt. Gesucht sind die besten Anwendungskonzepte für Blockchain-Technologien im deutschen Gesundheitswesen, etwa aus den Bereichen:

  • Medizinische Register
  • Organ- und Gewebespenderregister (für die rechtsverbindliche Dokumentation von Willenserklärungen bezüglich postmortaler Spendebereitschaft)
  • Einverständniserklärung (z. B. für Forschungsprojekte)
  • Rechte- und Identitätsmanagement.

Diese Aufzählung ist nicht erschöpfend – allerdings schließt das BMG Dokumenten-Managementsysteme (z. B. elektronische Patientenakten) vom Wettbewerb aus. Und das, obwohl der Blockchain Bundesverband  in seinem Positionspapier (S. 16), klar den Einsatz im Bereich der elektronischen Patientenakten empfiehlt. Warum – ist das Problem des sicheren und datenschutzfreundlichen Teilens von Patientendaten und der jederzeitigen Verfügbarkeit in Deutschland schon abschließend und zufriedenstellend gelöst? Wohl eher nicht.

Allerdings wurde einerseits viel Aufwand seitens des BMG in die Entwicklung der elektronische Gesundheitskarte (eGK) gesteckt. Seit dem Beschluss, die eGK einzuführen, flossen bisher 2.000.000.000 € der Beitragszahler in das Projekt. Jedoch wird das Projekt eGK von vielen Experten als gescheitert beurteilt. Vor allem die technische Architektur der eGK scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. So meint Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK- Bundesverbandes, im Interview mit der „Rheinischen Post“ „das ganze Vorhaben ist längst überholt“. Die eGK sei „eine Technologie der 90er Jahre“, die „viel koste und wenig nutze“.  Zwar äußerte Jens Spahn auch anfänglich Zweifel an der eGK, jedoch sagte der Gesundheitsminister im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „die Milliarde ist nicht umsonst investiert“ und bekräftigt damit sein Engagement das Projekt eGK weiterentwickeln zu wollen.

Zum anderen läuft derzeit ein Prestigeprojekt der gesetzlichen und privaten Krankenkassen zum Thema elektronische Gesundheitsakte. Die Gesundheits-App Vivy ermöglicht seit anderthalb Monaten 13,5 Millionen Versicherten den Zugang zu ihrer elektronischen Gesundheitsakte. Vivy soll laut Jens Spahn zum Best-Practice Beispiel werden, denn bis 2021 sollten alle Versicherten digitalen Zugriff auf ihre Akte bekommen. Jedoch fanden die IT-Sicherheitsforscher Martin Tschirsich und Thorsten Schröder von der Schweizer Firma modzero schwerwiegende Sicherheitsmängel in der Sicherheitsstruktur von Vivy (Originalbericht). Gerade zu Zeiten der DSVGO ein absolutes No-Go. Zwar seien laut Vivy die Sicherheitslücken geschlossen worden, jedoch ist das Vertrauen der Userinnen und User möglicherweise nicht so leicht zu reparieren.

Lösungen auf Blockchain-Basis sind zwar, anders als einige Verfechter der Technologie gern behaupten, nicht zwingend sicherer oder datenschutzfreundlicher als Nicht-Blockchain-Lösungen. Mit der richtigen Implementation lassen sich aber die Stärken der Blockchain- und Distributed-Ledger-Technologien auch im Gesundheitswesen voll ausspielen: Ein manipulationssicheres Protokoll vergangener Transaktionen gibt einerseits Patientinnen und Patienten die Sicherheit, dass keine unbeobachteten Zugriffe oder Veränderungen von Zugriffsrechten stattgefunden haben. Andererseits können Ärztinnen, Ärzte und andere Leistungsträger im Nachhinein zweifelsfrei nachweisen, zu welchem Zeitpunkt sie Zugriff zu welchen Daten hatten – einer wesentlichen Konfliktpunkte beim Thema informationelle Selbstbestimmung von PatientInnen, denn wenn diese jederzeit das Recht haben, den Zugriff auf bestimmte Teilbereiche ihrer Daten zu verweigern, dann stehen Ärztinnen und Ärzte vor dem Problem, auf möglicherweise unvollständiger Datengrundlage Entscheidungen treffen zu müssen.

Diese und andere Vorteile der elektronischen Patientenakte als Distributed Ledger werden nun leider nicht bei der Blockchain-Challenge des BMG vorgestellt werden. Aber gespannt auf die Konzepte sind wir trotzdem!

So darf als letztes noch einmal Jens Spahn zu Wort kommen:

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.