Elektronische Gesundheitsakten & Blockchain: Zur informationellen Selbstbestimmung

Blockchain im Gesundheitswesen: Warum eigentlich?

Die Etablierung von jederzeit und allerorts verfügbaren elektronischen Gesundheitsakten ist der zentrale nächste Schritt in der Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens.

Schwierigkeiten bei der Etablierung einer elektronischen Gesundheitsakte

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, wie gegenläufige Interessen der zahlreichen Akteure im Gesundheitswesen die Entwicklung einer sicheren und insbesondere für PatientInnen praktikablen Lösung immer wieder blockiert haben: Der Streit um Verantwortlichkeit und finanzielle Kompensation beim Austausch von Versichertenstammdaten, Diskussion um den Datenschutz bei einer möglichen zentralen Speicherung von Daten, Wünsche der PatientInnen nach einer tragbaren Lösung, in die auch Daten aus Apps und Wearables eingespeist werden können, sind nur einige der zahlreichen Beispiele. Immer wichtiger wird auch der Wunsch der PatientInnen nach informationeller Selbstbestimmung und Partizipation bei der Entscheidungsfindung in der Medizin.

Zentrale Lösung gefährdet informationelle Selbstbestimmung

Diesen Entwicklungen kann eine zentral organisierte Lösung zu Datenspeicherung und -austausch im Gesundheitswesen kaum gerecht werden. Zentrale Speicherung von Daten stellt ein signifikantes Risiko hinsichtlich unberechtigten Zugriffs dar – ein physischer oder virtueller Ort, an dem sämtliche Gesundheitsinformationen von zumindest den gesetzlich Versicherten in Deutschland gespeichert sind, würde Begehrlichkeiten einerseits von Seiten krimineller Datendiebe wecken, andererseits mit der Zeit womöglich auch von legalen Institutionen. Verlierer wären die gesetzlich Versicherten, denen an diesem Punkt die informationelle Selbstbestimmung genommen würde.

Dezentrale Lösung: Wie werden Kommunikation und Konsistenz sichergestellt?

Bei einer alternativ möglichen dezentralen Speicherung von Gesundheitsdaten, etwa lokal in Krankenhäusern und Arztpraxen, mit einer Bereitstellung der Daten an andere Leistungserbringer auf Anfrage, stellt sich die Frage der Zuverlässigkeit der Daten sowie der Abstimmung und Konsistenz zwischen verschiedenen Datenquellen. Illustriert an einem einfachen Beispiel: Das Krankenhaus mag so in der Lage sein, den Medikationsplan eines Patienten aus der Hausarztpraxis abzurufen, aber darf es Änderungen in dieses Dokument schreiben? Muss die Hausärztin ihrerseits einen geänderten Plan aus dem Krankenhaus abrufen? Wie lässt sich dies automatisieren, wenn die Realität zeigt, dass HausärztInnen oft weder über Krankenhausaufenthalte ihrer PatientInnen noch über die dort durchgeführten Maßnahmen unterrichtet werden – und oft nicht einmal über das Ableben eines Patienten während eines Aufenthalts?

Blockchain: Dezentral, datenschutzfreundlich, automatisiert

Mit Hilfe der Blockchain-Technologie kann eine Lösung implementiert werden, die eine sichere (verschlüsselte), dezentrale Speicherung der Gesundheitsdaten und deren jederzeit verfügbaren Abruf ermöglicht. Teil dieser Technologie ist ein sogenannter Distributed Ledger: eine verteilte Datenbank (die also auf zahlreichen Servern des Netzwerks vorliegt), und die keine Löschung oder Manipulation vorhandener Daten erlaubt, sondern stets nur das Anfügen neuer Datensätze. Auf diese Art und Weise bleiben alle vergangenen Transaktionen und Datensätze auch in Zukunft immer nachvollziehbar – Patienten können zuverlässig nachvollziehen, wer zu welchem Zeitpunkt Zugriff auf ihre Daten hatte, und von wem welche Daten geschrieben wurden. Ärzte wiederum können rechtssicher nachweisen, welche Informationen ihnen zu einem bestimmten Zeitpunkt vorlagen, und welche nicht. In der Blockchain herrscht Konsens: Für jeden Teilnehmer existiert eine gleiche, überall gültige Version der Tatsachen (etwa der Inhalte eines Medikationsplans).

Während Blockchain-Technologie in den Anfangsjahren vor allem als technologische Grundlage der Kryptowährungen wie Bitcoin bekannt wurde, existieren mittlerweile Frameworks, die explizit für Anwendungsfälle außerhalb von Kryptowährungen geschaffen wurden und effizienter und datenschutzfreundlicher sind. Ein Beispiel hierfür ist Hyperledger Fabric, die vom Hyperledger-Konsortium geschaffen wurde. Ziel dieses Konsortiums ist es, die Blockchain-Technologie für zahlreiche Industrien produktiv nutzbar zu machen. Federführend sind in dieser Zusammenarbeit IBM und The Linux Foundation; zahlreiche namhafte Unternehmen von accenture bis SAP und von der Deutschen Bank bis Intel sind als Partner an Bord.

Hyperledger Fabric ist beispielsweise die technologische Grundlage der Gesundheitsakten-Lösung, die das deutsch-australische Startup Medical Ledger (www.medicalledger.io) entwickelt. Ziel ist es, innerhalb von zwei Jahren eine Plattform zur Speicherung und Verarbeitung von Gesundheitsakten sowie eine Möglichkeit zum Austausch anonymisierter Forschungsdaten im medizinischen Bereich zu schaffen.

(Disclaimer: Die Autoren dieses Blogs sind Teil des Teams von Medical Ledger.)

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