Autor: Fabian Thomas

  • Blockchain und Morbi-RSA: Mein Konzept für den Ideenwettbewerb des BMG

    Blockchain und Morbi-RSA: Mein Konzept für den Ideenwettbewerb des BMG

    In dem Ideenwettbewerb „Anwendungskonzepte für Blockchain- Technologien im deutschen Gesundheitswesen“ suchte das Bundesministerium für Gesundheit nach Ideen für den sinnvollen Einsatz der Blockchain-Technologie im deutschen Gesundheitswesen. Darüber berichtete ich schon in meinem vorherigen Beitrag.

    Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, selbst auch eine Idee einzureichen. Leider sah das interdisziplinäre Expertengremium meine Idee nicht auf dem Siegertreppchen. Jedoch möchte ich meine Idee an dieser Stellte mit euch teilen.

    Was ist die Grundidee?

    Zukünftig wird es eine der wichtigsten Aufgaben sein, zum einen die adäquate Versorgung chronisch und multimorbider Patienten bereitzustellen und zum anderen Erkrankungen durch primärpräventive Maßnahmen vorzubeugen. Dazu muss sich das deutsche Gesundheitswesen von einem kurativen zu einem präventiv geprägten System entwickeln. Dafür fehlen allerdings bisher die Anreize für Krankenkassen und Versicherte. Die Verknüpfung von Blockchain-Technologie mit einem neuen Gesundheitsparameter, der monetäre Anreize für Präventionsmaßnahmen sowohl für Krankenkassen, Arbeitgeber und Versicherte schafft, ermöglichen völlig neue Anreizsysteme, die die Basis des benötigten Paradigmenwechsel sein könnten.

    Was ist die Hintergrundgeschichte?

    Im Jahr 2016 erhob Jens Baas, Chef der TK, den Vorwurf, dass viele gesetzliche Krankenkassen (GKV), auch seine eigene, die Patienten auf dem Papier kränker machen, als sie eigentlich sind. Dies habe mit dem morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA) zu tun. Mit Hilfe des Morbi-RSA wird u.a. berechnet, wie das Geld aus dem Gesundheitsfond an die GKV verteilt werden soll. Der Grundgedanke lautet: sind bei einer Kasse viele Kranke, bekommt diese auch mehr Geld. Jedoch ergibt sich dadurch einen Anreiz, den Patienten etwas kränker zu machen, als er in Wirklichkeit ist. Zusätzlich werden Präventionsbemühungen seitens der Krankenkassen nur sehr schwach berücksichtigt. Die Grundproblematik ist, dass zwar Investitionen in Prävention zu einem verbesserten Gesundheitszustand der Versicherten und zu geringeren Ausgaben für die GKV führt, die einzelne Kasse, die die Investition getätigt hat, jedoch wegen des verbesserten Gesundheitszustands der Versicherten nur im Ausgleichsjahr einen positiven Deckungsbeitrag dadurch erzielt, dass die Zuweisungen (auf Grundlage des diagnostizierten schlechteren Gesundheitszustands des Vorjahres) höher sind als die tatsächlichen Kosten. In den Jahren danach erhält die Krankenkasse geringere Zuweisungen und kann die finanziellen Vorteile der Maßnahme nur teilweise für sich selber verbuchen.

    Wie kommt da die Blockchain-Technologie ins Spiel?

    Damit die Wandlung vom kurativ zum präventiv ausgerichteten Gesundheitswesen gelingen kann, müssen die verschiedenen Akteure im deutschen Gesundheitswesen monetär motiviert werden, im Bereich Prävention aktiv zu werden. Den Ansatzpunkt, um die notwendigen Reformen zu implementieren, siehe ich beim Gesundheitsfond und dessen Zuweisungssystem an die GKV. Mit Hilfe von Blockchain-Technologie und Smart Contracts, können die Aufgaben des Gesundheitsfonds weitestgehend automatisiert und das zugehörige Zuweisungssystem reformiert werden. Technisch umzusetzen wäre das am Besten mit einer Konsortium-Blockchain. Die Konsortium-Blockchain ist eine Blockchain, bei welcher der Konsensprozess (Erklärung kommt gleich) durch einen vorgewählten Satz von Knoten, also die Krankenkassen, durchgeführt wird. Als technisches Grundgerüst könnte ein Blockchain Framework aus dem Hyperledger Projekt dienen. Besonders interessant für den Einsatz im Gesundheitswesen sind die beiden Projekte, Hyperledger Fabric und Hyperledger Sawtooth, da es hier schon Projekte innerhalb der Branche gibt, die diese Frameworks einsetzen (z. B. nutzt PokitDok Hyperledger Sawthooth 1.0).

    Was wird innerhalb der Blockchain gespeichert?

    Inhalt dieser Blockchain sind die die anonymisierten Versichertendaten, die zur Berechnung der Zuweisungen benötigt werden. Das bedeutet zwar, dass jede Krankenkasse die anonymen Daten aller gesetzlich Versicherten ansehen, allerdings lediglich die Daten ihrer eigenen Versicherten deanonymisieren kann. Zusätzlich werden mit Hilfe einer Schnittstelle innerhalb von Praxis- und Diagnosesoftware die einzelnen Schritte des Diagnose Prozesses transparent in Blockchain gespeichert und Diagnosen, die innerhalb von Selektivverträgen entstanden sind, manipulationssicher gekennzeichnet. Da die Diagnosen derzeit noch weitgehend manuell oder halbautomatisch von Ärzten kodiert werden, was einen großen Spielraum für einen „kreativen“ Umgang mit deren Kodierung zulässt. Das führt laut Jens Baas dazu, dass die häufigsten Einflussnahmen der Krankenkassen auf Ärzte bei jenen Krankheiten erfolge, bei denen es Interpretationsspielräume gibt und wo bestimmte Kodierungen den Kassen mehr Geld vom Gesundheitsfonds bringe.

    Wie wird innerhalb der Blockchain Konsens über die abgesicherten Daten hergestellt?

    Werden Daten dezentral ausgetauscht und gespeichert, muss geregelt werden, welche Daten legitim sind und welche nicht. Da die Netzwerkteilnehmer von Blockchain-Systemen – bei dieser Idee die Krankenkassen – selbstständig für den Konsens sorgen müssen, muss dem Protokoll ein Belohnungssystem inhärent sein, sodass die Netzwerkteilnehmer aus eigenem ökonomischen Interesse für ein funktionierendes Gesamtsystem sorgen. Da die Zuweisungen an die gesetzlichen Krankenkassen von der Anzahl der Versicherten abhängt, bietet sich hier das Konsensprotokoll Proof-of-Stake (PoS) an. Beim PoS ist der Anteil (Stake) eines Netzwerkknotens, gemessen an der gesamten, umlaufenden Menge an Wert (meistens Kryptowährungen) in der Blockchain, ausschlaggebend für die Wahrscheinlichkeit, das Recht zu bekommen, einen Blockkandidaten in die Blockchain speichern zu dürfen und dafür vom System eine Belohnung zu bekommen. Je höher der Anteil des Stakes, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Netzwerkknoten seinen Blockkandidaten abspeichern darf. Im vorliegenden Konzept würde der Stake anhand der Versichertenstruktur der einzelnen Krankenkasse berechnet werden.

    Werden nun neue Blöcke geschürft, erhalten die Krankenkassen, anhand des beschriebenen Systems eine Belohnung. Die Belohnung wird bei Blockchains, die zum Zwecke des Werteaustausches geschaffen wurden, meist in Form von Kryptowährungen oder Tokens an die Netzwerkknoten ausgeschüttet. Auch bei diesem System erhalten die Krankenkassen zur Belohnung zunächst Tokens, die sie beim Gesundheitsfonds dann gegen Euro eintauschen können. Der Wechselkurs ist fix und nicht volatil. Allerdings kann dieser nach bestimmten Zeiträumen vom Gesetzgeber angepasst werden.

    Moment, wozu brauch diese Idee Smart Contracts und wie funktionieren die?

    Die Regelungen, wie die Höhe der Zuweisungen pro Versichertem zu Stande kommt, werden innerhalb von Smart Contracts festgehalten. Smart Contracts sind automatisch ausführbare Programme, die auf der Blockchain aufbauen und vordefinierte Transaktionsspielregeln im Programmcode abbilden. Eine Transaktion, die über einen Smart Contract läuft, wird automatisch ausgeführt, wenn alle beteiligten Parteien die zuvor definierten Konditionen erfüllen. Da die Smart Contracts die Regeln des Systems definieren, sind sie das Kernstück dieses Konzeptes. Wird festgestellt, dass manche Smart Contracts u.U. falsche Anreize geben, können diese aber auch geändert werden. Über Änderungen können die Krankenkassen, z. B. mit ihrer derzeitigen Mining-Power, also der Höhe des Anteils am Gesamtnetzwerk, abstimmen.

    „Die Zuweisungen, die die Krankenkassen erhalten, orientieren sich demnach nicht nur an Risikomerkmalen und Krankheit, sondern steigen auch durch „gesunde“ Versicherte. Mit diesem System werden Krankenkassen, Versicherte und Arbeitgeber gleichermaßen motiviert, sich stärker im Bereich der Prävention zu engagieren.“

    Und wo bleibt jetzt der Gesundheitsparameter?

    Das eben beschriebene inhärente Belohnungssystem ersetzt bei diesem Konzept das derzeitige Zuweisungssystem des Gesundheitsfonds. Neben den bekannten Parametern (Anzahl der Versicherten, Alter, Risikomerkmale, Erkrankungen usw.), die die Versichertenstruktur bestimmten, wird das Zuweisungssystem, welches innerhalb von Smart Contracts definiert wird, allerdings um einen neuen „Gesundheitsparameter“ ergänzt, der monetäre Anreize für Krankenkassen, Arbeitgeber und Versicherte zum präventivem Handeln gibt. Ausgangspunkt sind die Versichertenbeiträge sowie deren Anhäufung.

    Für Krankenkassen funktioniert er so: sammeln sich Beiträge an, können die Versicherten vordefinierte Schwellenwerte erreichen, die die Krankenkassen individuell bestimmen können (Krankenkassen mit niedrigen Schwellenwerten sind dementsprechend attraktiver). Für jeden Versicherten, der einen bestimmten Schwellenwert erreicht hat, würde die jeweilige Krankenkasse dann mehr Geld vom System erhalten, als für Versicherte, die noch keine Schwellenwerte erreicht haben.

    Dies könnte zum Beispiel auch gestaffelt sein: Schwellenwert 1 = Zuweisung x, Schwellenwert 2 = Zuweisung y, Schwellenwert 3 = Zuweisung z (Schwellenwert 1 < Schwellenwert 2 < Schwellenwert 3; Zuweisung x < y < z). Zusätzlich wäre es denkbar, dass je nach Risikogruppe, Vorerkrankungen etc. des Versicherten, sich die Zuweisung für die Krankenkasse erhöhen, sobald Schwellenwerte erreicht werden. Die Höhe der Zuweisung für einen 58-jährigen chronisch kranken Patienten, der es schafft, bis auf Schwellenwert 2 Beiträge anzusparen, könnte z. B. höher ausfallen, als bei einem 22-jährigen ohne Vorerkrankung. Somit gäbe es im Gesundheitssystem auch einen Anreiz, die Behandlung für besonders schwerwiegende und somit kostspielige Erkrankungen zu optimieren. Damit Versicherte auch nach Erreichen des letzten Schwellenwerts einen Anreiz haben, weiter verantwortungsvoll mit der Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen umzugehen, müsste der maximal angesparte Betrag gedeckelt werden.

    Wird ein Schwellenwert überschritten, erhält der Versicherte, und in den meisten Fällen der Arbeitgeber, am Jahresende einen gewissen Anteil seiner eingezahlten Beiträge wieder zurück. Dieser Anteil steigt, sobald weitere Schwellenwerte durch angesparte Beiträge überschritten werden. Werden Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch genommen, wird die Summe, bestehend aus angesparten Beiträgen, u. U. wieder kleiner und kann wieder unter einen Schwellenwert fallen. So lange bis die Rückerstattung am Jahresende 0 ist. Da der Beitrag zur GKV paritätisch von Arbeitnehmer und Arbeitgeber bezahlt wird, profitieren auch die Arbeitgeber unmittelbar davon, wenn ihre Mitarbeiter verantwortungsbewusst Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch nehmen.

    Neben den generellen positiven Aspekten eines betrieblichen Gesundheitsmanagements, würde dadurch ein weiterer Anreiz für Arbeitgeber entstehen, in die Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren. Zusätzlich würde es die Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen und Arbeitgebern stärken, wie sie jetzt schon in §20b SBG V durch den Gesetzgeber gefordert wird.

    Die Zuweisungen, die die Krankenkassen erhalten, orientieren sich demnach nicht nur an Risikomerkmalen und Krankheit, sondern steigen auch durch „gesunde“ Versicherte. Mit diesem System werden Krankenkassen, Versicherte und Arbeitgeber gleichermaßen motiviert, sich stärker im Bereich der Prävention zu engagieren. Es wäre die Weiterentwicklung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich zum gesundheitsorientierten Risikostrukturausgleich!

    Wie wird sichergestellt, dass dieses System nicht gehackt wird?

    Jede Krankenkasse hat eine feste Identität und kann sich durch vergebene Zertifikate ausweisen. Neben der Authentifizierung kann darüber auch die Autorisierung abgebildet werden, die in der Konsortiums Blockchains die Aspekte von Privatsphäre und Vertraulichkeit sicherstellt, da niemand, der diese Zertifikate nicht hat, die Daten lesen oder verändern kann.

    Was haltet ihr von der Idee? Schreibt es mir in die Kommentare!

    Das vollständig eingereichte Konzept findet ihr hier!

  • Ideenwettbewerb mit Einschränkung: Das BMG und Blockchain im Gesundheitswesen

    Ideenwettbewerb mit Einschränkung: Das BMG und Blockchain im Gesundheitswesen

    Das Gesundheitswesen steht jetzt und in der nahen Zukunft vor vielen Herausforderungen – einer alternden Gesellschaft, Fachkräftemangel, einer zunehmenden Anzahl von in- und ausländischen Unternehmen, die auf den Markt drängen, wiederkehrenden Krankheiten, die als besiegt galten, und vielen mehr.

    Mit ihren schier zahllosen technischen Möglichkeiten gilt die Digitalisierung des Gesundheitswesens als Hoffnungsträger, um diese Herausforderungen zu bewältigen. Während digitale Anwendungen in der Industrie oder dem Handel schon tiefgreifend in die Prozesse eingebunden sind, nimmt die Implementierung im deutschen Gesundheitswesen aufgrund der hemmenden Rahmenbedingungen erst in den letzten Jahren langsam Fahrt auf. Weltweit stößt dabei die Blockchain-Technologie im Gesundheitswesen in letzter Zeit auf zunehmendes Interesse.

    Um die Potentiale der innovativen Technologie auszuloten, veranstaltete das US-amerikanische ONC (Office of the National Coordinator for Health Information Technology) im Jahr 2016 die Blockchain Challenge, einen Ideenwettbewerb, bei dem Einzelpersonen wie auch Teams ihre Konzepte zum Einsatz der Blockchain-Technologie in Gesundheitssystemen einreichen konnten. 

    Dr. Vindell Washington, nationaler Koordinator für Health IT, sagte zu der Challenge: „Wir sind begeistert von dem unglaublichen Interesse an diesem Wettbewerb. […] Während viele über die Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie für digitale Währungszwecke Bescheid wissen, zeigen die Wettbewerbsbeiträge ihr spannendes Potenzial für neue, innovative Anwendungen im Gesundheitswesen.“

    In der ONC Challenge 2016 wurden Konzepte zu den Bereichen gesucht: 

    • Digitale Signatur und Identitätsmanagement,
    • Smart Contracts in Gesundheitssystemen
    • Verwaltung von Internet of Things (IoT)-Geräten,
    • Verschlüsselte und dezentrale Speicherung von Gesundheitsdaten
    • Verteiltes Vertrauensmanagement

    Das ONC wählte die Gewinner auf der Grundlage mehrerer Faktoren aus, darunter Marktfähigkeit, Kreativität, die Eignung zum transformativen Wandel und das Potenzial zur Unterstützung einer Reihe nationaler Gesundheits- und Gesundheitsinformationsziele, einschließlich der Förderung des Flusses von Gesundheitsdaten dorthin, wo sie am dringendsten benötigt werden.

    Mittlerweile hat auch das Bundesministerium für Gesundheit die Relevanz der Blockchain-Technologie erkannt und hat am 29.10.2018 verkündet, einen Ideenwettbewerb zu Blockchain im Gesundheitswesen auszuschreiben. Auch wenn man sich nicht offiziell darauf beruft, scheint der Wettbewerb auch an die schon über zwei Jahre zurückliegende ONC Blockchain Challenge angelehnt. Gesucht sind die besten Anwendungskonzepte für Blockchain-Technologien im deutschen Gesundheitswesen, etwa aus den Bereichen:

    • Medizinische Register
    • Organ- und Gewebespenderregister (für die rechtsverbindliche Dokumentation von Willenserklärungen bezüglich postmortaler Spendebereitschaft)
    • Einverständniserklärung (z. B. für Forschungsprojekte)
    • Rechte- und Identitätsmanagement.

    Diese Aufzählung ist nicht erschöpfend – allerdings schließt das BMG Dokumenten-Managementsysteme (z. B. elektronische Patientenakten) vom Wettbewerb aus. Und das, obwohl der Blockchain Bundesverband  in seinem Positionspapier (S. 16), klar den Einsatz im Bereich der elektronischen Patientenakten empfiehlt. Warum – ist das Problem des sicheren und datenschutzfreundlichen Teilens von Patientendaten und der jederzeitigen Verfügbarkeit in Deutschland schon abschließend und zufriedenstellend gelöst? Wohl eher nicht.

    Allerdings wurde einerseits viel Aufwand seitens des BMG in die Entwicklung der elektronische Gesundheitskarte (eGK) gesteckt. Seit dem Beschluss, die eGK einzuführen, flossen bisher 2.000.000.000 € der Beitragszahler in das Projekt. Jedoch wird das Projekt eGK von vielen Experten als gescheitert beurteilt. Vor allem die technische Architektur der eGK scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. So meint Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK- Bundesverbandes, im Interview mit der „Rheinischen Post“ „das ganze Vorhaben ist längst überholt“. Die eGK sei „eine Technologie der 90er Jahre“, die „viel koste und wenig nutze“.  Zwar äußerte Jens Spahn auch anfänglich Zweifel an der eGK, jedoch sagte der Gesundheitsminister im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „die Milliarde ist nicht umsonst investiert“ und bekräftigt damit sein Engagement das Projekt eGK weiterentwickeln zu wollen.

    Zum anderen läuft derzeit ein Prestigeprojekt der gesetzlichen und privaten Krankenkassen zum Thema elektronische Gesundheitsakte. Die Gesundheits-App Vivy ermöglicht seit anderthalb Monaten 13,5 Millionen Versicherten den Zugang zu ihrer elektronischen Gesundheitsakte. Vivy soll laut Jens Spahn zum Best-Practice Beispiel werden, denn bis 2021 sollten alle Versicherten digitalen Zugriff auf ihre Akte bekommen. Jedoch fanden die IT-Sicherheitsforscher Martin Tschirsich und Thorsten Schröder von der Schweizer Firma modzero schwerwiegende Sicherheitsmängel in der Sicherheitsstruktur von Vivy (Originalbericht). Gerade zu Zeiten der DSVGO ein absolutes No-Go. Zwar seien laut Vivy die Sicherheitslücken geschlossen worden, jedoch ist das Vertrauen der Userinnen und User möglicherweise nicht so leicht zu reparieren.

    Lösungen auf Blockchain-Basis sind zwar, anders als einige Verfechter der Technologie gern behaupten, nicht zwingend sicherer oder datenschutzfreundlicher als Nicht-Blockchain-Lösungen. Mit der richtigen Implementation lassen sich aber die Stärken der Blockchain- und Distributed-Ledger-Technologien auch im Gesundheitswesen voll ausspielen: Ein manipulationssicheres Protokoll vergangener Transaktionen gibt einerseits Patientinnen und Patienten die Sicherheit, dass keine unbeobachteten Zugriffe oder Veränderungen von Zugriffsrechten stattgefunden haben. Andererseits können Ärztinnen, Ärzte und andere Leistungsträger im Nachhinein zweifelsfrei nachweisen, zu welchem Zeitpunkt sie Zugriff zu welchen Daten hatten – einer wesentlichen Konfliktpunkte beim Thema informationelle Selbstbestimmung von PatientInnen, denn wenn diese jederzeit das Recht haben, den Zugriff auf bestimmte Teilbereiche ihrer Daten zu verweigern, dann stehen Ärztinnen und Ärzte vor dem Problem, auf möglicherweise unvollständiger Datengrundlage Entscheidungen treffen zu müssen.

    Diese und andere Vorteile der elektronischen Patientenakte als Distributed Ledger werden nun leider nicht bei der Blockchain-Challenge des BMG vorgestellt werden. Aber gespannt auf die Konzepte sind wir trotzdem!

    So darf als letztes noch einmal Jens Spahn zu Wort kommen:

     

  • Überblick Marktforschung: Blockchain in Gesundheitssystemen

    Überblick Marktforschung: Blockchain in Gesundheitssystemen

    Die Märkte rund um die Blockchain-Technologie sind auch nach dem Bitcoin-Crash und der ersten ICO-Flaute weiterhin im Wachstum begriffen. Immer mehr Produkte und Dienstleistungen rund um die Technologie werden von etablierten Unternehmen und Startups entwickelt und angeboten. Zwar ist die Vielzahl von Produkte und Dienstleistungen im Gesundheitssektor noch nicht so groß wie in der Fintech-Industrie, jedoch werden auch hier immer neue Startups gegründet (aktuelle Liste).

    Wie sehen Wirtschaftsanalysten das Potenzial der Blockchain in Gesundheitssystemen? Einige Marktforschungsinstitute haben dazu schon Berichte verfasst. Hier eine kleine Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

    Titel Sprache Veröffentlichung Seiten Institut
    Global Blockchain in Healthcare Market: Focus on Industry Analysis and Opportunity Matrix – Analysis and Forecast, 2018-2025 englisch Apr 18 150 BIS Research
    Blockchain Market – Forecasts from 2017 to 2022 englisch Okt 18 98 Knowledge Sourcing Intelligence LLP
    Blockchain Technology in Healthcare Market by Application (Supply Chain Management, Clinical Data Exchange, Interoperability, Claims Adjudication & Billing), End User (Pharmaceutical Companies, Healthcare Payers, Providers) – Global Forecast to 2023 englisch Jul 18 129 MarketsandMarkets
    Blockchain Technology in Global Healthcare, 2017–2025 englisch Jun 17 77 Frost & Sullivan
    Blockchain: Opportunities & Challenges in Healthcare Market Scan Report englisch Mai 18 40 Chilmark Research
    Marktanalyse: Blockchain in der Gesundheitsbranche deutsch Blockruption & Summary Seven